Nicht hier, nicht jetzt: Stimmen & Meinungen

Kronen Zeitung.

 

Der Punkt.

 

Tiroler Tageszeitung.

Osttiroler Bote.

dolomitenstadt.at.

Den Artikel gibt’s hier

Tiroler Gegenwartsliteratur.

Wenn in konventionellen Situationen Geschichten auftauchen, die offensichtlich ungelegen kommen, dann werden sie meist mit den Befehlen verscheucht: „nicht hier“, „nicht jetzt!“ Mathias Klammer hat für seinen Erzählband elf Ereignisse zusammengetragen, die alle von diesem unpassenden Augenblick handeln, dass man gerade jetzt nicht damit zu tun haben will. Oft sind es Träume, die zur Unzeit kommen, manchmal schaut eine Depression ungefragt vorbei, aber auch die Liebe kommt überraschend aus der Hüfte heraus, sodass sich die Protagonisten in der ersten Reaktion zurufen: Nicht hier, nicht jetzt. An einem Wasser treffen Hans und Selma aufeinander, verlieben sich rettungslos, geben sich aber an Ort und Stelle wieder frei, denn sie muss weiterziehen. Ein Schüler bricht unerwartet im Eis ein und trägt eine formidable Störung davon, die sich auch auf seine schulische Präsenz auswirkt. In einem Tagebuch schreibt jemand ununterbrochen von seinen Gefühlen und kommt letztlich zur Erkenntnis, dass er pro Tag einmal etwas fühlt, aber nicht weiß, was. Ein Protagonist hat scheinbar sinnlos Alpträume über ein totes Mädchen, ein anderer sitzt offensichtlich als depressiver Mittzwanziger beim Verhör und fasst sein Leben zusammen: „Ich kenne keinen Tatort, kein Opfer und keinen Augenzeugen.“ (78) Die Geschichten markieren selbständige Ereignisse, dennoch ziehen Figuren wie der stets Sinn suchende und planlose Gabba oder der Müller, der sich stets aufgehängt hat, ikonenhaft ihre Spuren. Die Erzählweise ist eine Mischung aus hektischem inneren Monolog und Sinn-Pathos eines griechischen Chors. Aus heiterem Himmel heraus können diese Figuren von einer Sehnsuchts-Patina aus Suizid und Depression, aber auch aus Elementen von Glück und unschuldiger Liebe überzogen werden. Viele Orts- und Zeitangaben entfallen, weil sie ja unter dem Motto stehen nicht hier, nicht jetzt. So ist der Wunsch, in Amsterdam eine Bar aufzumachen, schon das höchste der konkreten Gefühle. In der kurzen Geschichte von den letzten Worten schrumpft überhaupt alles Leben auf einen Sager zusammen. „Schreiben Sie, dass ich was gesagt hätte! Pancho Villa.“ (131) Den Figuren rutschen große Sätze mir nichts dir nichts heraus, aber sie bringen kaum Erkenntnis, kaum Sinn, dadurch leiden die Figuren erst recht. Und je schlechter es den Figuren mit ihren Sätzen geht, umso mehr Sinn fällt letztlich für den Leser ab. Denn für den Leser ist vieles sinnvoll, warmherzig und optimistisch, denn er muss ja nicht leiden. „Eine Erinnerung, unvergänglich. Das ist Heimat, sagte sie. Schön und grausam zugleich.“ (158) – So elegant enden zwischendurch die Erzählungen von Mathias Klammer, nicht hier, nicht jetzt.